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Was geschah in Bethlehem?
Predigt zur Namensgebung der Friedrichsorter Kirche
Bethlehem! - Jedem, der diesen Namen hört, muss das Herz weit werden. Eine Welt tut sich auf vor uns, und Erinnerungen steigen auf, die sich gar nicht so schnell in Worte fassen lassen. Bethlehem - wie schön, dass eine Kirche in Kiel nun diesen Namen hat.
Was begab sich denn, wenn wir die Bibel aufschlagen, zuerst in und bei Bethlehem? Es ist eine traurige, wehmütige Geschichte. Als Jakob vor seinem Tode seine Enkel segnete, da erinnerte er sich: „Es starb mir Rahel auf der Reise, und ich begrub sie dort am Wege nach Ephrata, das nun Bethlehem heißt“ (Genesis 48, 7). Heute steht da noch das Grab der Rahel, Jakobs Lieblingsfrau, und fromme Juden - Männer wie Frauen - beten in großer
Andacht am Grab der Urmutter. Und die Weisen Israels fragen: Warum musste es gerade ihr widerfahren, dort einsam am Wegrand begraben zu werden und nicht mit ihrem Mann und den anderen Erzvätern in der Höhle Machpela in Hebron? Und die Antwort heißt: Weil Jakob im Geiste sah, dass einst an dieser Stelle die Elendstrecks der Kinder Israels, die in die Verbannung und Sklaverei getrieben wurden, vorbeiziehen würden. Und da sollte Rahel am Wege sein und liebevoll Fürbitte für sie tun, wie eben eine Mutter tut. (Siehe: Genesis 35, 16 - 20)
Zweitens: Und dann kam eines Tages eine Frau nach Bethlehem, die war eine Fremde - und eine Witwe dazu. Ruth hieß sie und folgte in stiller Treue ihrer Schwiegermutter in ein fremdes Land. Und auf dem Hirtenfeld von Bethlehem fand sie einen neuen Mann, einen neuen Anfang. Das ist eine der schönsten Geschichten den Bibel. Und Ruth, die unbeachtete, stille Fremde, wurde die Urgroßmutter des Königs David, und der Evangelist Matthäus
nennt sie ausdrücklich im Stammbaum Jesu. (Ruth 1, 1 - 4, 22; Matthäus 1, 5)
Drittens. Die Generationen vergingen, und eines Tages kam ein Prophet, ein Führer in Israel, nach Bethlehem: Samuel. Er suchte das Haus des Isais, des Enkels der Ruth. Er sollte dort einen König salben, denn Gott hatte den ersten König Israels, Saul, verworfen. Eigentlich war alles zu Ende. Aber Gott wollte auch hier, was er immer wieder will bis heute: Neuen Anfang aus seinem guten und gnädigen Willen. Aber Samuel musste noch viel lernen über Gottes Art und Sichtweise. Samuel wollte ganz selbstverständlich den ältesten und größten Sohn Isais salben. Aber der sollte es nicht sein. Und die nächsten auch nicht. Und Samuel musste als Gottes Wort hören: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an“ (1. Samuel 16, 7). Und dann wurde David vom Hirtenfeld geholt, der Jüngste, der beinahe Vergessene, und zum König gesalbt. (Siehe: 1. Samuel 16, 1 - 13)
Und wieder vergingen Jahre. - David war auf der Flucht vor Saul. Er zog gleichsam als Partisanenführer durchs Land mit einer Handvoll verwegener Männer. Sie lagerten auf einer Höhe bei Bethlehem. David war durstig - und da lag in Sichtweite seine Heimatstadt Bethlehem. Die hatte einen Brunnen mit klarem, kühlem Wasser. Und David sprach: „Wer will mir Wasser zu trinken geben aus dem Brunnen am Tor zu Bethlehem?“ „Am Brunnen vor dem Tore ...“ - alte Erinnerungen wurden in ihm wach. Vielleicht hatte er diesen Wunsch nur so träumerisch vor sich hin gesagt. Aber seine Männer liebten, vergötterten ihren Anführer. Und drei von ihnen schlichen sich in das von Philistern besetzte Bethlehem und brachten David, dem durstigen und heimwehkranken David, Wasser vom Brunnen am Tore.
David aber trank nicht, sondern goss das Wasser auf die Erde als ein Trankopfer für Gott den Herrn und sagte: „Das sei ferne von mir, dass ich etwas annehme, was meine Männer unter Lebensgefahr geholt haben. Das wäre ja, als tränke ich ihr Blut.“ (Siehe: 2. Samuel 23, 13 - 17)
Ja, und dann die Geschichte, an die wir zuerst denken, wenn wir Bethlehem hören: die Geschichte der Heiligen Nacht. Die brauche ich ja wohl nicht zu erzählen. An diesem armseligen Ort - über einem Stall und über einem Hirtenfeld - tat sich der Himmel auf. Und das ist nicht mehr rückgängig zu machen. (Siehe: Lukas 2, 1 - 20)
Und nun bin ich noch nicht am Ende (aber gleich) mit meinen Bethlehem-Geschichten und meinen Wünschen für diese Kirche. Da ist nämlich noch der 25. Dezember des Jahres 1100. An diesem Tage wurde in der Geburtskirche von Bethlehem der erste König von Jerusalem, der erste Kreuzfahrerkönig, gekrönt: Balduin I. Sein Bruder, Gottfried von Bouillon, der als Anführer der Kreuzfahrer ein Jahr vorher Jerusalem erobert hatte, wollte nicht König sein, nur Schutzherr des heiligen Grabes. Auch Balduin wollte sich nicht da zum König krönen lassen, wo der Herr eine Dornenkrone empfangen hatte. Wer darf sich nach Jesus König von Jerusalem nennen? So fand die Krönung zu Weihnachten in Bethlehem statt. Die Kreuzzüge sind ein dunkles Kapitel der Christenheit und ein helles zugleich. Da ist viel Machtwille und viel Sehnsucht, viel Herrschen und viel Dienen, viel eiskaltes Planen und viel herzwarmes Träumen - wie das so durch die ganze Kirchengeschichte geht. Ich wünsche dieser Kirche, dass in ihr auch immer wieder das Bekenntnis eben zur Kirche geschieht, zu ihrer Geschichte, ihrer Last, ihren kühnen Taten und ihren bösen Irrtümern. Wir sind keine aufgeklärten Besserwisser. Wir stehen auf den Schultern unserer Väter im Glauben. Wir ducken uns nicht vor den hämischen Belehrungen der Außenseiter. Wir beugen uns aber vor dem Herrn der Kirche und sprechen in jedem Gottesdienst sehr bewußt auch als Kirche: Gott, sei mir Sünder gnädig. Und nun die letzte Geschichte, eigentlich nur eine Erinnerung. Diese Kirche hat dem Namen nach eine Vorläuferin: Die Bethlehemskapelle in Prag. Dort predigte in der Volkssprache (damals gar nicht so selbstverständlich) seit 1402 Johannes Hus. Wir wissen: 1415 hat ihn die Kirche auf dem Konzil zu Konstanz als Ketzer verbrannt. Uns gilt er als Vorläufer der Reformation. Auch er sagte (und bezeugte es mit seinem Tod): Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Das Wort Gottes, die heilige Schrift, hatte ihn überwältigt. Nur sie galt für ihn. Einer seiner Sätze, für die er, als Ketzer verurteilt, in die Flammen ging, hieß: „Jede Tat, die nicht in der Liebe getan wird, ist Sünde.“ Diese kühne, wagemutige Freiheit hat er auch in der Bethlehemskapelle zu Prag verkündigt. Er hat den höchsten Preis dafür bezahlt.
Das waren die Bethlehem-Geschichten der Schrift und der Kirchengeschichte. Gott gebe, dass wir sie fortschreiben, immer neu wahr machen und dem neuen Namen dieser Kirche Ehre machen durch unseren Dienst. Propst Rumold Küchenmeister zurück zur Kircheninfo |